Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft
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Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft

Genre
Autobiografie
Autor
Robb Reiner, Steve „Lips“ Kudlow
Verlag
Heyne
Erscheinungs­datum
09.08.2010
Erscheinungs­form
Taschenbuch, 367 Seiten

Bewertung

Michael Möbius, Nov 2010

5 / 5 Sternen

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„Anvil“ ist die Autobiographie der gleichnamigen kanadischen Heavymetal-Band, die als Urväter der heutigen Heavymetal-Größen wie Metallica, Anthrax und Megadeath gelten und neben diesen Musiker wie SLASH (ehemals Guns N`Roses/Velvet Revolver) maßgeblich beeinflusst haben. Angefangen in den Jugendjahren erzählen die beiden ungeschönt ihre Geschichte, wie sie als Teenager den Schwur geleistet haben, für immer zusammen zu rocken, von ersten nationalen und internationalen Erfolgen bishin zu dem magischen Moment, als der wichtigste Rockmanager der 80er Jahre, David Krebs, sie unter seine Fittiche nimmt. Und sie erzählen auch von den Jahren danach. Es folgen Drogenkonsum, übersteigerte Egos und Erfolglosigkeit, schlechtes Management und die interne Umbesetzung der Band. Zu diesem Zeitpunkt hat sich „der Amboss“ selbst überlebt.

Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre kreiert die Band eine völlig neue Kategorie des Heavymetal. Der Speedmetal ist geboren. Unter dem Namen „Lips“ (benannt nach dem Sänger) und später als „Anvil“ rocken die Beiden erst Kanada, Amerika, Europa und später Japan und gehen mit Bon Jovi und den Scorpions 1984 auf Stadien-Tour. Doch der große „Durchbruch“, der kommerzielle Erfolg bleibt Ihnen versagt. Die Seifenblase platzt, bevor sie sich zu voller Größe ausgebildet hat. „Lips“ und Robb kämpfen ebenso um ihre musikalische wie um ihre finanzielle Existenz. Und Ihre Freundschaft, die sie als Bruderschaft bezeichnen, wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Die fetten Jahre liegen schon Jahrzehnte zurück, da meldet sich ein alter Bekannter, ein Fan aus den Anfängen. Sasha Gervasi, seines Zeichens erfolgreicher Drehbuchautor in der (Alp-)Traumfabrik Hollywood, tritt an die beiden in die Jahre gekommenen Rocker heran, um mit Ihren über ihre Musik einen Dokumentarfilm zu drehen. Ebenso wie das Leben wird auch der Film eine Zerreißprobe für alle Beteiligten und fordert seine Opfer. Schlussendlich wird der Film u.a. auf dem „Sundance Film Festival“, einem der bedeutendsten amerikanischen Indepent-Filmfestivals gezeigt, und markiert die kommerzielle „Wiederbelebung“ der Band.

Dieses Buch ist eine Geschichte aus dem wahren Leben, ohne Happyend und dabei so sympathisch, dass man am Ende (fast) traurig ist, die letzte Seite gelesen zu haben. Es gibt viele Biographien, wo die Hauptperson nur Statist bleibt. Nicht so bei „Anvil“. Die beiden Protagonisten lassen den Leser ebenso an den traurigen Momenten teilhaben wie an der Euphorie vor einem kreischenden Publikum zu stehen, das den Bandnamen krakelt, und der Absurdität des Haifischbeckens, das sich Musikbranche nennt. Das erreichen sie unter anderem durch die Ehrlichkeit, in der sie Ihr Leben schildern, und die Bildsprache. Sie leben den Rock`n`Roll. Und nebenbei lehren sie den Leser, was wahre Freundschaft bedeutet, denn das Buch ist auf den Punkt gebracht nichts anderes als ein Hohelied auf die Freundschaft. Hier gehen zwei Männer wahrlich durch dick und dünn, bringen zahlreiche Opfer für ihre Überzeugungen und zeigen einen Enthusiasmus und gleichzeitig eine Fragilität, die so urban menschlich ist, dass man nicht umhin kommt, sie darum zu beneiden. Und auch dies ist ein Aspekt der Geschichte. Die Gruppe hat nie das größte Ziel der Musikbranche erreicht, den kommerziellen Erfolg, und wird doch von den anderen Musikern und den Fans für ihren Zusammenhalt und ihre Beständigkeit bewundert.

Im Gegensatz zu anderen Büchern wird dieses nie langweilig. Selbst die Passagen, wo über die Konzert- und Cluborte, die meistens im Umfeld von Toronto oder dem tiefsten Amerika liegen, oder die technischen und textlichen Aspekte des Song-/Albenschreibens berichtet wird, werden als Wiedergutmachung von teilweise absurden bis bizarren Geschehnissen des Bandlebens abgelöst. Bisweilen hat man als Rezipient genug vom Lesen über die Bruderschaft, des gegenseitigen Überzeugens vom kommenden Erfolg, weil man sich doch früh klar darüber ist und darin auch immer wieder bestärkt wird, dass die beiden Musiker nie Erfolg haben werden. Und dennoch ist es genau diese Überzeugung, der Wille nie aufzugeben und für seine Träume zu kämpfen, was diesen Erfahrungsbericht so bemerkenswert macht. Wie viele von uns geben Ihre Träume auf, weil jemand sagt, man sei nicht gut, weil man den entscheidenden Zeitpunkt verpasst hat oder einfach aufhört, an sich selbst zu glauben, weil man erwachsen geworden ist.

Die Bildsprache ist ungekünstelt und umgangssprachlich. Manchmal fragt man sich, ob Mittfünfziger tatsächlich so sprechen. Die Wahrheit ist, man kann es überhaupt nicht nachvollziehen, denn die Jahrzehnte kennt man nur aus Büchern. Genau deshalb ist die Geschichte immer interessant. Der Durchschnittsleser kann sich sprachlich mit den beiden Musikern identifizieren. Da spielt es auch keine Rolle, dass das Buch keinen fassbaren Höhepunkt hat, denn eine Autobiografie ist keine Cinderella-Story. Das Leben lehrt uns, es gibt kein „Es kann nicht schlimmer oder besser werden“, denn diese Bewertung unterliegt immer einer subjektiven Betrachtung.

Fazit

„Anvil“ ist eines der wenigen Bücher, wo der Inhalt hält, was der Umschlag verspricht. Ohne viel Schnick-Schnack, dafür mit einer glaubhaften, profunden Ehrlichkeit und einer ordentlichen Portion Absurdität wird hier das Wesen der wahren Freundschaft im Rock`n`Roll- Gewand abgebildet.

Man muss sich weder mit Heavymetal noch mit Musik im Allgemeinen auskennen, um dieses Buch zu mögen. Wer über das Coverbild im 80er-Jahre-Trash-Stil hinwegkommt, wird mit einer tollen Geschichte und Fotos belohnt, wo jede beendete Seite Vorfreude auf die Nächste macht. Eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe.

Über die Autoren

Steve 'Lips' Kudlow bekam im Alter von zehn Jahren seine erste elektrische Gitarre geschenkt, mit sechzehn lernte er den Schlagzeuger Robb Reiner kennen. Die beiden schworen sich, bis in alle Ewigkeit miteinander zu rocken, und „Anvil“ war geboren. Inzwischen haben sie fast vierzig gemeinsame Bandjahre hinter sich und denken nicht daran, aufzugeben. Das beweist auch ihr vor kurzem erschienenes dreizehntes Studioalbum "This is Thirteen". Robb Reiner, Schlagzeuger und Mitbegründer von „Anvil“. Begann mit dem Schlagzeugspielen im Alter von 11 Jahren auf einer Ludwig Snare-Drum. Im Winter 1973 wurde Robb gefragt, ob er nicht Lust auf eine Jam Session mit einem Gitarristen aus der Nachbarschaft habe. Als er den Kellerraum seines Freundes betrat, wartete dort bereits Lips auf ihn, mit dem er seitdem Musik macht. (Text: Constanze Heinisch)

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