Männer die auf Ziegen starren
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Männer die auf Ziegen starren

Genre
Roman
Autor
Jon Ronson
Verlag
Heyne
Erscheinungs­datum
08.02.2010
Erscheinungs­form
Taschenbuch: 272 Seiten

Bewertung

Michael Möbius, Aug 2010

3 / 5 Sternen

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Was erwartet man, wenn man ein Buch mit solchem Titel in die Hand nimmt? Man erwartet Komik, eine humoristische bis satirische Darstellung des Militärs und Unterhaltung. Die schlechte Nachricht vorab: das Buch erfühlt keine dieser Erwartungen.

Die Geschichte von Jon Ronson handelt davon, wie Oberleutnant Jim Channon in den späten 1970er Jahren im Zuge der Hippie-/New-Age-Bewegung das Militär mit seinem "Handbuch des Ersten Erdbataillons" verändern will: die Entwicklung von nicht-tödlichen Waffen, Soldaten mit übermenschlichen geistigen Fähigkeiten, die Ziegen totstarren, durch Wände gehen und sich unsichtbar machen können, um im Krieg den Feind so sehr einzuschüchtern, dass es zu keinem Krieg kommt. Der Leser erlebt die Entstehung dieser Idee und wie sie in den folgenden Jahrzehnten bis hin zum 11. September 2001 und dem zweiten "Golf-Krieg" durch das Militär abstrahiert und missbraucht wird. Es werden menschliche Schicksale von Zivilisten und Soldaten beleuchtet, ebenso wie zahlreiche reale Bezüge über die Vorgehensweise moderner Folter durch Drogen, Stress und Akustik.

Beginnt das Buch mit der flauschigen "Love & Peace"-Ideologie der 1970er Jahre als Folge des Kollateralschadens Vietnam, so geht es im Mittelteil in die Entartung und Perversion der menschlichen Rasse über und schließt letztendlich mit der Erkenntnis, dass die Ideen von Jim Channon in den Reihen der amerikanischen Machthaber neue Wurzeln schlagen. Ronson liefert mit der Geschichte einen faktisch interessanten Einblick in die Auswirkungen von Vietnam, dem 11. September 2001 und dem Irak-Krieg auf das heutige Amerika, wenn er zum Beispiel die grauenhaften Vorkommnisse in Abu Ghraib und Guantanamo Bay beschreibt oder den Mythos des Ziegentotstarrens erläutert. Dennoch gibt es ein riesiges ABER. Stilistisch gesehen versagt das Buch auf der ganzen Linie. Unausgegorene Szenenbeschreibungen wie zum Beispiel die Hawaii-Szene, die genauso gut auf einer U-Bahn-Toilette spielen könnte, ständige narrative Wechsel bis hin zu zeitlichen Sprüngen innerhalb der Erzählung unterbinden jegliches Lesevergnügen. Innerhalb der Kapitel war es teilweise unmöglich festzustellen in welchem Jahrzehnt (die Erzählung umfasst immerhin 60 Jahre) sich der Leser gerade befindet.

Der Autor klatscht Szene an Szene, ohne damit irgendeinen Spannungsbogen aufzubauen. Es scheint so, als ob er seine Notizen so niedergeschrieben hat, wie sie zufällig im Stapel lagen. Damit verlaufen sich die aufregenden Details in Belanglosigkeit und Monotonie und geben kaum Anreiz zum Nachdenken. Dieser Eindruck entsteht unter anderem auch, weil der Autor seine eigenen Gedanken nicht mit einbringt, was zu einer guten Strukturierung maßgeblich beigetragen hätte.

Die Fülle der Charaktere und ihre Präsentation ist ein weiteres großes Manko des Buchs. Erst kurz angeschnitten, tauchen Personen 30 Seiten später wieder auf und der Leser versucht verzweifelt sie dem gesamten Gefüge zuzuordnen. Das ist auch eine Form der Beschäftigungstherapie und wesentlich spannender als die Geschichte selbst. Der Autor schafft es tatsächlich, dass man die Namen und die Bedeutung irgendwann einfach überliest, ein Verhalten, das in der Regel erst auftritt, wenn man ein Buch zum zweiten oder dritten Mal liest und schon weiß, um wen es geht.

Selbst die Wortwahl ist für einen Journalisten langweilig und müde. Man findet keine interessanten Beschreibungen, die es dem Leser ermöglichen, sich ein Bild von den Schiffscontainern, dem Braunen Block oder dem Hotel Stadler zu machen. Wenn auf dem Umschlag nicht die Schauspieler der Verfilmung abgedruckt wären, könnte man sich überhaupt kein optisches Bild von den Charakteren machen. Das Buch fordert keinerlei Kreativität oder Vorstellungskraft vom Leser. Ebenso flach sind die dramatischen Ereignisse beschrieben. 39 Menschen bringen sich um und ihr Tod wird mit wenigen ausdruckslosen Sätzen abgehandelt. Ein Mann scheitert mit seinem aufgezwungenen Lebenswerk und lacht vor lauter Verzweiflung. Beschrieben in einem kalten, abwesenden Satz. Der Autor fixiert sich so sehr auf die Wiedergabe der Fakten, dass er dem Leser in vielen Abschnitten die Hand, mit der er durchs Buch führt, entzieht und ihn alleine lässt.

Fazit

Ein gutes Buch zu schreiben ist schwer. Ein schlechtes zu schreiben nach wie vor zu einfach. Jon Ronson ist an diesem Anspruch gescheitert. Wenn man die Selbstbeweihräucherung des Autors liest, in der er darüber Auskunft gibt, dass er über zwei Jahre für dieses Buch recherchiert hat, wünscht man sich, dass ebenso viel Zeit für die Niederschrift dieser Geschichte in Anspruch genommen worden wäre. Das wäre genug Zeit um ein sauberes, rundes und in sich schlüssiges Werk zu verfassen, das nicht nur Informationen liefert, sondern auch so verpackt, dass man darüber nachdenkt und mehr erfahren will. Alle, die sich immer noch genötigt fühlen, dieses Buch zu lesen, empfehle ich das letzte Kapitel. Hier fasst der Autor die Geschichte in wenigen Sätzen, auf den Punkt gebracht, zusammen. Diesen Abschnitt zu lesen, spart viel Zeit, die man aufwenden kann, um ein wirklich gutes Buch zu lesen. Text:

Über den Autor

Jon Ronson, 1967 geboren, lebt und arbeitet in London. Er schreibt für den Guardian, moderiert und produziert Fernsehdokumentationen und hat eine eigene Radiosendung. Männer, die auf Ziegen starren, sein zweites Buch, wurde sofort zu einem Bestseller.

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